Es ist gleich zwei Uhr in der Nacht und ich kann mich nicht trennen von den Gedanken die mich nicht schlafen lassen. Immerzu ereilen sie mich, wenn ich fast den Weg ins Träumeland sichten kann, doch immer sind sie wieder da.
Alles fing mit diesem überdimensionalen Frauenrasierer an.
Ich habe, wie vielleicht in dem Internet-Café-Artikel schon gelesen, wieder angefangen spätabends oder nachts herumzustreunen in den endlos leeren Gassen und Straßen Wiens (endlos leer nur nachts und in den Straßen in denen ich mich aufhalte bzw. es mir zur Gewohnheit gemacht habe, bei jedem Geräusch schnell weiterzueilen). So finde ich die nötige Zerstreuung nach meiner Schandtat (das Aufsuchen eines Internet-Cafés).
Ich genieße es einfach die Straßen entlangzugehen und alles und jeden entspannt beobachten zu können. Nur in der Nacht gibt es diese bestimmte Ruhe (natürlich nur für Junggesellinnen wie mich) und auch die bestimmte Ruhe die einen erfasst, wenn es in dieser Nacht diese bestimmte Ruhe gibt. Moment mal. Ich denke ich zerstreue mich im Moment gerade zu sehr.
Auf diese Art und Weise des Rumstreunens entdecke ich zum Beispiel tolle Geschäfte. Ich habe das “GrünZeuxs” entdeckt und musste nicht nach ihm suchen (unter anderem tolles Shirt mit der Aufschrift Revolution is my girlfriend).
Ich habe auch noch eine tolle Videothek entdeckt die wirklich absolut nach meinem Geschmack ist. Es gibt dort auch total viele Filme abseits von nervtötendem Mainstream und es ist für mich die perfekte Alternative zu Fernsehen.
Doch es kam wie es kommen musste. Der Schock-Moment war schneller da. Ich hätte es wissen müssen, dass ich, wenn ich eine nachdenkliche Phase habe, nicht in der Nähe von Einkaufsstraßen herumgehen sollte. Doch habe ich es getan. Typisch, ärgerte ich mich danach über mich selbst.
Ich entdeckte nämlich in einem Schaufenster diesen überdimensionalen Frauenrasierer. Dieses Teil war wirklich größer als ich.
Vielleicht mag sich der werte Leser jetzt denken “Was ist schon an einem überdimensionalen Frauenrasierer dran?”, doch dann bitte ich ihn noch einmal darüber nachzudenken. Ein überdimensionaler Frauenrasierer.
Schon alleine der Gedanke an einer Dekoration die größer ist als ich selbst und dazu noch einen Frauenrasierer darstellt ist doch wirklich schrecklichst! In welcher Welt bin ich hier gelandet?
Mir wird immer weiter schmerzvoll bewusst, dass sämtliche Schaufenster, für Bummelwütige wie mich, nonstop erleuchtet sind. Ich sehe es schon kommen- sämtliche Geschäfte Sonntags geöffnet.
Nun liege ich im Bett und habe Horrorvisionen. Wie soll das Leben nun so weitergehen?
Werbung wird immer intensiver, eindringlicher und ungenierter. Sie will uns zu Dinge überreden die wir gar nicht tun wollen oder die wir gar nicht brauchen. Nach dem Kauf stehen wir dann da und erfreuen uns. Niemand unternimmt etwas gegen diese ganze visuelle Vergewaltigung. Das (harte) Wort der Vergewaltigung benutze ich bewusst, denn wie willst du dich wehren?
Kann ein Mensch, wie ich, werbungslos leben? Nein! Werbung ist überall. Sie verfolgt Menschen mit jedem Schritt und Tritt. Wir sollen kaufen ununterbrochen und ja nicht an den ganzen anderen Scheiß denken.
Umweltverschmutzung. Was tun wir dagegen? Trennen wir alles brav und fleißig? Probieren wir unseren Müllberg zu vermindern?
Wie viele Menschen werden für das Shirt ausgebeutet, dass ich gerade eben an meinem Körper trage. Mussten welche sterben? Habe ich theoretisch gesehen ein Kinderleben auf dem Gewissen?
Wann habe ich zuletzt gespendet? Wann werde ich es tun? Habe ich nicht eigentlich viel mehr Geld, als ich zum Leben brauche?
Es wird immer schlimmer. Kriege werden geführt. Die Umwelt schlägt zurück. Das Wetter, verschmutzte Gewässer. Gletscher- und Polarkappenschmelzen. Alles keine Fremdwörter mehr, doch was tun wir? Was tun wir alles gegen die Fremdwörter die keine mehr sind. Wörter die uns alle betreffen. So oder so. Wenn nicht gleich dann anders.
Überlegt man nicht heute schon, welche Länder vom Klimawandel mehr betroffen sind und welche nicht? Ist eine erneute Völkerwanderung angesagt und ist es an der Zeit seine Sachen zu packen?
Wieso habe ich das Gefühl, dass wir Menschen gar nichts mehr unter Kontrolle haben. Und um ehrlich zu sein; ich glaube nicht an eine absolute Kontrolle. Hatten wir jemals etwas unter Kontrolle oder haben wir uns lediglich leiten lassen von unseren Instinkten und unseren Wünschen? Wurden wir vielleicht mehr kontrolliert?
Es sind wieder einmal all diese Gedanken die mir den Schlaf rauben und mir das Gefühl geben ich sei depressiv. Wenn ich all diese Dinge durchdenke und die Welt schon dem Untergang geweiht sehe. Wenn ich mir sehnlichst wünsche vorher zu sterben. Bevor es noch schlimmer wird. Es wird schlimmer werden. Das wird es ganz sicherlich.
Vielleicht ist es einfach nur so, dass ich jemanden brauche der mich in den Arm nimmt und mir das Gefühl gibt, egal wie schrecklich es in der Welt läuft, egal wie sehr Minderheiten ausgegrenzt werden, egal wie sehr die Welt doch dem Tod geweiht ist und wie viele Menschen heute noch sterben werden, dass ich geliebt werde. Vielleicht ist es das.
Und dabei fing doch alles mit einem überdimensionalem Frauenrasierer an.